Spa & Beauty

21.6.2019 - 7.9.2019

Galerie Hartwich, Schulstrasse 5, Ostseebad Sellin, Rügen

Eröffnung: 21.6.2019, 20.00 Uhr

Nana Heymann

Niemandsland

Text zur Ausstellung "Niemandsland" Galerie 100
20.04.2016 - 1.06.2016

Christian Thoelke, 1973 in Berlin geboren und aufgewachsen, beschäftigt sich in seiner gegenständlichen Malerei mit den (Folge-) Erscheinungen gesellschaftlicher Umbrüche, wie sie in unserem alltäglichen Leben ihren Niederschlag finden. Zentrales Thema ist hierbei eine zunehmende Entfremdung des Einzelnen von der Gesellschaft – in einer von Veränderung geprägten globalisierten Welt und der damit einhergehenden Frage nach Identität und Zugehörigkeit.

Durch das Studium der Malerei an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee bei Wolfgang Peuker und zwei anschließenden Meisterschülerjahren an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig bei Ullrich Hachulla zunächst sehr an der Tradition der Neuen Sachlichkeit und des magischen Realismus orientiert, finden im Laufe der Zeit in seiner Malerei auch zunehmend fotografische und filmische Einflüsse Eingang.

So spiegelt sich in der neuesten figurativen Bilderserie „Niemandsland“ auch eine Auseinandersetzung mit unseren durch die Medien geprägten Sehgewohnheiten wider. Diese Serie ist gleichsam ein fließender Übergang zu den vorangegangenen großformatigen Interieurs, die gänzlich ohne Personal auskamen und von denen auch einige Arbeiten in der Ausstellung zu sehen ist. Hier sind die Räume und Architekturen nur noch stumme Zeugen des zuvor darin gelebten Lebens. Schauplätze aufgegebener Lebensentwürfe, die unter dem Einfluss von demografischem Wandel und der Krise unserer Arbeitswelt lange vor ihrer Zeit verlassen wurden. Orte, wie sie zunehmend in Kleinstädten strukturschwacher Regionen und auf dem Land anzutreffen sind. In der Arbeit „Schöne Aussicht“ blicken wir durch die herausgerissene Fensterfront einer verlassenen Neubauwohnung auf die Weite einer platten Landschaft, der Putz fällt ab und vom Vorhang sind auch nur noch ein paar Fetzen zu sehen. Die vergilbte Fototapete eines tropischen Urwaldes könnte ein Indiz für den Sehnsuchtsort der vormaligen Bewohner sein und lässt vielleicht erahnen, wohin sie sich im besten Fall aufgemacht haben.

Denn die Aufgabe eines solchen Lebensentwurfes ist natürlich immer auch ein (unfreiwilliger) Aufbruch ins Ungewisse, Fremde, in eine vermeintlich bessere Welt, in der auch die eigene Identität neu bestimmt und verhandelt werden muss.

Die neuen Arbeiten der Reihe Niemandsland führen nun diesen Gedanken fort und beschäftigt sich auch hier mit Themen wie Umbruch, Entwurzelung und Übergang, wenn auch in einem Maßstab, dessen Dimension sich innerhalb des letzten Jahres für uns alle rasant vergrößert hat.

Die Figur kehrt wieder auf die Bühne zurück, in Szenerien, wie wir sie seit dem Beginn der Flüchtlingskrise täglich in den Bildern der Medien sehen. Der Maler konfrontiert uns hier mit diesen Sehgewohnheiten und auch mit unserer Zerrissenheit zwischen Empathie und Angst gegenüber dem Fremden - vor dem Hintergrund einer sich dramatisch verändernden Welt. Denn während in den immer wiederkehrenden Fernsehbildern die „Fremden“ auch als solche eindeutig zu erkennen sind, treten sie uns hier als unseresgleichen gegenüber. So irritiert der Anblick einer Gruppe von Männern, die vor der fast grellen Kulisse eines  Sonnenuntergangs versucht, einen meterhohen Zaun zu überwinden, nicht durch Absurdität dieser Situation an sich, sondern allein dadurch, dass es sich dabei - entgegen unserer Erwartung - offensichtlich um weiße Europäer handelt. Die Phrase von der Wirklichkeit, die uns einholt, wird hier buchstäblich zur (Bild-) Wirklichkeit. Ähnlich verhält es sich beim Anblick zweier junger Männer, die, mit dem Rücken zum Betrachter stehend, von einer Anhöhe hinab auf eine noch schlafende Stadt hinunterschauen. Sieht der Betrachter sie als Neuankömmlinge voller Hoffnung oder als Eindringlinge, die das gewohnte Gleichgewicht zum Kippen bringen? Eine Serie von vermummten Köpfen, wie man sie unterschwellig mit den Bildern von Straßenschlachten assoziiert, lässt offen, wer hier gegen wen kämpft bzw. wer sich unter den um den Kopf gebundenen bunten T-Shirts versteckt. Sie ist lediglich Ausdruck der Eskalation der Auseinandersetzungen in einer Welt, die schon lange aus den Fugen ist. So bewegt sich alles im Vagen und Ungefähren und lässt dem Betrachter seinen Raum die Bilder für sich zu lesen, unabhängig davon, auf welcher Seite des Zaunes man steht.